Le Velo Kaffeetisch Fräulein Anker Hamburg Interview mit Gleem

 

Gestern erst habe ich euch von meinem Vorhaben eine Interview-Reihe zu starten berichtet und heute geht sie schon los. Den ersten Menschen mit dem ich mich auf einen Kaffee getroffen habe ist Anna Gliemer. Zusammen waren wir in Eimsbüttel im neuen Café Le Vélo, das ich euch vor einiger Zeit bereits an dieser Stelle vorgestellt habe. Zugegebenermaßen war ich bei dem ersten Interview noch ein wenig aufgeregt (auch wenn Anna und ich uns schon vorher von ein paar Begegnungen kannten). Rückblickend war es aber einfach nur eins: Total nett! Nun aber alles auf Anfang.

 

Hamburg Auf einen Kaffee mit Anna Gliemer von Gleem Interview

Anna ist 26 Jahre alt, vor einigen Jahren wegen der Liebe nach Hamburg gekommen und hat Anfang 2015 die zuckerfreie Pâtisserie „Gleem“ gegründet. Aufgrund einer Reihe von Unverträglichkeiten fing sie an zuerst nur für sich selbst Pralinen, Rawnies (eine Art Rohkost Brownie) und Honigschokolade zu produzieren – und dann irgendwann auch für andere. Kennengelernt haben Anna und ich uns übrigens an ihrem Stand auf einem Frischepost Event im letzten Winter.

 

Was macht für dich Hamburg so liebenswert?

Ich glaube diese Detailverliebtheit! Ich mag die Brücken und die kleinen grünen Flächen. Und es gibt viele außergewöhnliche Läden und Cafés. Ich habe einfach das Gefühl die meisten, also so richtige Hamburger, die machen sich nichts aus anderen. Die tragen ihren Wollpullover und schnacken einfach drauf los. Außerdem ist es hier wie in einem großen großen Dorf. Ich treffe so viele Leute immer wieder.

 

Eigentlich kommst du ja eher aus dem Bereich Wirtschaft, was war der ausschlaggebende Grund 2015 für dich dein eigenes Start up zu gründen?

Wenn man ganz auf die Anfänge zurückblickt, habe ich mich schon im Studium anders ernährt als die meisten meiner Kommilitonen. Ich esse seit sieben Jahren kein Gluten, keine Milchprodukte und kein Zucker aufgrund einiger Unverträglichkeiten. Im ersten Semester habe ich dann mit einem Kommilitonen einen Vortrag über Rohkost halten müssen – das war natürlich für die ganzen BWLer ein wenig seltsam, aber das Rohkost mein Thema war habe ich damals sofort gespürt… Das Interesse für die Ernährungsweise hat sich dann auch in den letzten Jahren immer weiter fortgesetzt. Man fand mich immer schon ein wenig komisch, wegen dem was ich so esse. Bei meinen späteren Jobs haben die Kollegen dann aber beim Probieren meiner selbstgemachten Rawnies und Pralinen gesagt „Das ist ja total lecker! Warum machst du das nicht eigentlich auch für andere?“. Damals habe ich zwar schon mit dem Gedanken eine kleinen Manufaktur zu gründen gespielt, aber dann doch noch nichts draus gemacht. Erst als ich eine Frau kennengelernt habe, die sich näher mit dem Thema Kakaoplantagen beschäftigt und sogar welche besitzt, reifte meine Idee. Ihr bot ich bei unserem ersten Aufeinandertreffen einen meiner Rawnies an. Zwei Monate später rief sie mich spontan an und fragte ob ich sie bei einer Messe unterstützen könnte – samt Visitenkarten und ein paar Rawnies. Die Gelegenheit wollte ich natürlich nutzen und organisierte spontan ein erstes Logo und alles nötige. Die Leute auf der Messe waren begeistert und auf einmal habe ich angefangen mir wirklich ernste Gedanken zu machen, was so eine Unternehmensgründung benötigt. So ist das dann alles langsam ins Rollen gekommen.

 

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Ich habe mir also quasi nicht überlegt „Hey, da mache ich jetzt ein Unternehmen raus“, sondern es waren eher die anderen die gesagt haben „Mach das mal, das ist doch eine gute Idee“. Letztendlich die Entscheidungen musste ich dann selber treffen, aber ich bin immer ganz froh darüber, wenn mir andere helfen ein wenig auf die richtige Spur zu kommen und ich mich dadurch traue etwas zu machen. Nachdem dann mit den nötigen Ämtern alles geklärt war und ich einiges produziert hatte, kam irgendwann der Moment in dem ich mich mit dem „Größer werden“ beschäftigten musste. Denn mein Ziel wurde es langsam auch die Mengen zu produzieren, von denen man irgendwann auch leben kann. Immer das was ich nebenbei verdiene wieder in das Unternehmen reinzustecken funktioniert ja auch nur bis zu einem bestimmen Moment. An diesem Punkt bin ich gerade und deswegen habe ich mir mit der Hilfe von ein paar Freunden eine Crowdfunding Kampagne überlegt. Um den größeren nächsten Schritt zu wagen, effektivere Patisserie-Werkzeuge zu kaufen und in eine größere Küche zu ziehen.

 

Was ist die schlimmste Kundenmail die du je bekommen hast?

Die schlimmste Kundenmail war als ich nach drei Monaten das fünfte Mal nach der Zahlung einer Rechnung über 100€ fragen musste und als Antwort von meiner Kundin kam, dass es ja sowas von unprofessionell ist nachzufragen und dass man sich da ja auch auf einen anderen Weg einigen könnte, bevor man rechtliche Schritte oder ähnliches einleitet. Die Mail hat mich irgendwie mitgenommen. Sonst sind alle meine Kunden nett und verständnisvoll, aber diese eine ist total aus der Reihe getanzt und hat mir am Ende sogar das Gefühl gegeben, ich hätte falsch gehandelt.

 

Und was war die Süßeste?

Das war sogar letztens erst. Eine Kundin hat mir eine Mail geschrieben, weil sie sich so gefreut hat darüber, dass ich ihr spezielle Pralinen gemacht habe. Sie muss sich nämlich Histamin- und Fructosearm ernähren und das bedeutet, dass sie letztendlich gefühlt nichts essen kann. Sie vertrug jedoch Honig und dann habe ich ihr Kokospralinen mit weißer Schokolade und Mandelmus gemacht. Darüber war sie total glücklich und ich fand es so toll, weil ich die Herausforderung gemeistert habe für sie eine passende Praline zu kreieren.  

 

Hamburg Gleem Auf einen Kaffe mit Anna Gliemer Fräulein Anker

 

Seit eineinhalb Jahren bist du nun am Gründen deiner kleinen Manufaktur, was hast du in der Zeit gelernt? Was würdest du zukünftigen Gründern weitergeben?

Das man sich nicht aus der Ruhe bringen darf! Wenn du denkst „Okay, verdammt, ich weiß nicht wie ich morgen weitermache, weil ich keinen neuen Auftrag/ keine neue Bestellung habe“, dann genau passiert irgendetwas und dann läuft es wieder. Man muss also Durchhaltevermögen haben – das fällt mir übrigens relativ schwer (lacht). Ich bin jemand, wenn ich denke „okay das muss gemacht werden“, dann mache ich das. Wenn ich also Gründen muss, dann gründe ich. Kopf durch die Wand. Aber dann auch dabei zu bleiben und sich nicht runterziehen zu lassen von Niederschlägen, das ist die eigentliche Kunst. Mein Trick, den ich fast überall anwende, nicht nur beim Gründen: Du musst akzeptieren, was passieren könnte. Wenn also z.B. die Crowdfunding Kampagne nicht funktioniert, dann ist das halt so. Dann versinke ich nicht in Grund und Boden, sondern dann denke ich mir irgendwas Anderes aus. Genützt hat es dann trotzdem irgendwas, man lernt ja dadurch.

 

Warum hast du dich dafür entschieden schokoladige Produkte zu machen, anstatt z.B. Kuchen?

Hast du Geschwister?

Ja, eine Schwester.

Ich habe auch zwei Schwestern und ich habe das Gefühl es gibt bei Geschwistern immer einen der isst lieber Schokolade und der andere isst lieber Vanille. Meine eine Schwester z.B. mag überhaupt keine Schokolade und ich mag Schokolade einfach am liebsten Morgens, Mittags und Abends. Deswegen auch schokoladige Produkte.

 

Mit den wenigen Zutaten in deinen Produkten besinnst du dich ja eher zurück auf das Simple. Experimentierst du denn trotzdem gerne in der Küche?

Klar! Was ich viel ausprobiere ist sowas wie Chiasamen oder Zucchini. Letztens z.B. habe ich ein Tiramisu aus Zucchini gemacht. Ich versuche einfach oft Nüsse zu ersetzen. Manchmal schmeckt das aber auch richtig furchtbar. Das ist dann halt so, dann muss man weiter ausprobieren. Was ich mich aber unteranderem noch nicht traue ist Pfeffer oder Chili mit Schokolade zu kombinieren, weil ich selbst nicht gerne scharf esse. Ingwerschokolade finde ich aber auch noch richtig gut. Mein Ziel ist es immer die Nährstoffprofile ausbalanciert zu halten, dafür brauche ich dann allein unterschiedliche Zutaten und muss viel ausprobieren. Die Industrie würde wahrscheinlich eher sagen „Lass doch weg, ist doch teuer.“ Aber das ist nicht mein Anspruch.

 

Dein Anspruch ist?

Mein Anspruch ist, dass die Nahrung nicht nur etwas zu Essen ist, sondern einen auch fit und gesund macht. Ich selbst habe keine Lust mit sechzig krank zu sein und Tabletten nehmen zu müssen. Manche machen sich darüber lustig, aber ich glaube sich mit seiner Ernährung zu beschäftigen kann nicht schaden. Mal ungesund essen gehört aber auch dazu. Ich empfinde es einfach so, dass man nicht sagen muss jene Ernährungsweise ist gut und jene ist schlecht. Was ich mir wünschen würde ist, dass die Leute einfach mal genauer gucken was sie essen und was in ihrem Essen drinnen ist.

 

Angenommen du hast die nächsten drei Tage spontan frei, was würdest du als erstes machen?

Ich glaube ich würde ans Meer fahren. Ans Meer fahren und reiten.

 

Ideen wie die Frischepost und die Marktzeit machen den Wunsch von regionalen Produkten in Hamburg mehr und mehr spürbar. Auch in deinen Brownies sind ein paar regionale Produkte. Warum liegt dir das Regionale am Herzen?

Zwar sind andere Produkte manchmal günstiger, aber ich will immer genau wissen wo meine Zutaten herkommen. Das liegt wohl an den Hintergrund, dass wir auch immer viele Tiere hatten. Als wir früher irgendwas auf dem Frühstückstisch stehen hatten wusste ich auch immer wo die Sachen herkamen. Nicht zu wissen wo die Zutaten wirklich herkommen würde mich irgendwie gruseln.

 

Hamburg Auf einen Kaffee mit Anna Gliemer von Gleem Interview Auf einen Kaffee mit

 

Was macht für dich eine richtig gute Praline aus?

Eine richtig gute Praline ist für mich klein und nicht hart. Ich mag Pralinen nicht, wenn sie so eine harte Füllung haben, als ob du einen Block Schokolade isst. Sie muss für mich cremig sein. Obwohl sie klein ist, muss ich das Gefühl haben ich habe zwei Pralinen gegessen. So das man also von der Praline zweimal abbeißen kann. Und sie muss schokoladig sein!

 

Mal weg von Schokolade und Co: Bekommst du viel aus der Hamburger Food Szene mit und wo gibt es deiner Meinung nach richtig gutes Essen für Leute die sich vegan oder auf spezielle Weise ernähren?

Empfehlen kann ich das Tassajara, weil es dort viele glutenfreie und vegane Speisen gibt und die Sachen die nicht vegan sind, wie z.B. Torten uns Eis, nicht mit Zucker sondern mit Honig gesüßt werden. Das Restaurant ist total transparent und die Rezepte echt lecker. Wo ich auch noch oft hingehe ist das Paledo am Lehmweg. Da gibt es aber auch recht viel mit Fleisch, weil es halt paleo ist. Außerdem fällt mir noch Vincent Vegan ein. Da liebe ich die Süßkartoffel-Pommes. Das sind so meine Restaurants.

 

Und bekommst du viel mit so aus der Manufaktur-Ecke? Tut man sich dort auch mal zusammen oder hast du den Eindruck jeder macht so sein Ding?

Jeder macht eher so sein Ding. Gerade am Anfang war das für mich schwer. Einmal habe ich mir ein Herz genommen und mit einem spezielle Anliegen nach Infos  gefragt. Leider musste ich merken, dass da nicht so viel Bereitschaft zum kommunizieren ist. Das Witzige war, dass als „Gleem“ auf dem Markt war mich jemand dieselbe Frage gefragt hat. Ich habe dann gedacht „Jetzt erst recht“ und habe ihn mit Unmengen an Infos versorgt. In der Manufaktur-Szene kenne ich aber auch einfach wenige. Man lernt relativ wenige kennen und ich habe ja auch schon meine Partner, wie z.B. die Altländer Honig-Manufaktur.

 

Zu welcher Uhrzeit schmecken deine Pralinen am besten?

Nachmittags! Morgens früh noch nicht, aber wenn man schon mal was geschafft hat und sich dann hinsetzen kann, um sich in Ruhe eine Praline zu gönnen – das ist der richtige Moment.

 

Wie wichtig ist deiner Meinung nach neben dem Talent für das Produkt/ das Café /die Sache selbst auch das aktiv sein auf Social Media Kanälen wie Instagram?

Total wichtig! Die Menschen können teilweise so gut über ihre Produkte reden, aber machen einfach schreckliche Bilder oder sie machen gar keine (lacht). Auch das Verknüpfen von deinen Inhalten mit relevanten Hashtags ist wichtig. Ich glaube schon, dass du beides heute können musst. Oder du hast wiederum Leute dafür, die dann aber wieder Geld kosten. Das ich so aktiv auf Instagram und Co bin liegt aber auch daran, dass ich das vorher gelernt habe. Denn Content produzieren gehörte zu eine meiner Aufgaben in meiner Agenturzeit. Auch wenn ich momentan leider viel zu wenig zum Schreiben komme… Wenn ich mir wünschen könnte, was ich mache, dann würde ich Entscheidungen treffen, Rezepte entwickeln und den ganzen Content-Kram machen. Aber in der Realität stehe ich nur 5% meiner Zeit wirklich in der Küche – den Rest der Zeit schreibe ich Mails, muss Rechnungen erstellen und sowas. Aber so ist das halt, wenn man alles alleine macht.

 

Kaffeetisch Interviewreihe Auf einen Kaffee mit Fräulein Anker Hamburg

 

Was bereitet dir Freude außer deine schokoladigen Süßigkeiten?

Früher war ich sehr gerne beim Tanzen (Tango), das schaffe ich jetzt leider nicht mehr. Tanzen war für mich damals aber wie Pralinen machen heute: man vergisst alles um einen herum. Schön fand ich am Tango aber auch das Zwischenmenschliche. Ich spreche nämlich eigentlich nicht besonders gern. Auch mit den Leuten die ich schon kenne kommuniziere ich lieber über Mimik. Telefonieren z.B. hasse ich, das kann ich überhaupt nicht! Die Wahrnehmung unter Menschen zu sein finde ich viel schöner. Heutzutage sind es auch immer noch meine Freunde die mich glücklich machen. Oh und Hörbuch hören. Das ist so ein bisschen wie Film gucken, dabei kann ich einfach abschalten. Irgendwo sitzen und dem „Film“ in meinem Kopf vor den Augen folgen, herrlich.

 

Danke dir für das nette Interview!